da " TAUCHEN " - Luglio 1989

NB. - Si tratta di un servizio foto-giornalistico realizzato da Brigitte Cruickshank e dal sottoscritto per una rivista
 inglese e successivamente tradotto e pubblicato dalla rivista tedesca "Tauchen" e dalla consociata rivista belga "Duiken"


UNGEWÖHNLICHE TAUCHPLÄTZE

PERUGIAS UNTERWELT

 

Ein ausgefallenes Forschungsvorhaben haben
sich die Taucher des Clubs Orsa Minore gewählt:
Sie erkunden die mittelalterlichen Brunnenschächte ihrer Heimatstadt.
Brigitte Cruickshank berichtet, Guido Picchetti fotografierte
Aus dem Englischen von Kìrsten Hagemann


Verkürzter Schnitt durch den Brunnenschacht. Man erkennt die Zonen mit den kalkigen Ablagerungen.
Blick in den Brunnenschacht. Bis zum Wasserspiegel sind es 17 Meter.
Das Schlauchboot ist schon abgelassen. Es dient ah schwimmende Basis.
 

Es ist mitten im Januar. Ein kalter Nordwind bläst, und trotz des hellen Sonnenscheins sind die Temperaturen sehr winterlich. Die Taucher beeilen sich, möglichst schnell in ihre Anzüge zu kommen. Nirgends ist Wasser in Sicht. Wir sind weit entfernt vom Meer, und der Unterstand, den wir zum Umziehen benutzen, ist alles andere als ein einfacher Schuppen. Wir befinden uns nämlich in den Arkaden des Staats-palastes, eines architektonischen Mei-sterwerkes des Mittelalters, das maje-stätisch die eine Seite der "Piazza IV Novembre" flankiert. Die Piazza ist der zentrale Platz von Perugia, einer der ältesten und schönsten Städte Italiens. Gegenüber dem Palast liegt die Kathedrale, in der Mitte des Platzes steht die "Fontana Maggiore", ein großer Springbrunnen. Über uns ziehen Scharen von Tauben unermüdlich und lautstark ihre Kreise. Eine ziemlich ungewöhnliche Umgebung für einen Tauchgang in Profìausrüstung am Samstagnachmittag !

Wir sind hier in Perugia, um die Gefühle und Schwierigkeiten kennenzulernen, die mit dem "Stadttauchen" verbunden sind. Eingeladen hat uns der örtliche Tauchverein, die "Orsa Minore". Sie widmet sich seit etwa 20 Jahren der Untersuchung von Brunnen und Zisternen. Dabei geht es zum einen um Funde von archäologischem Interesse, zum anderen um die architektonische Bauweise und Konstruktion dieser alten Brunnen, die einstmals lebensnotwendige Bedeutung für die antiken Städte besaßen. Mit Hilfe der Untersuchungsergebnisse läßt sich das alltägliche Leben im mittelalterlichen Perugia rekonstruieren. Die Brun-nenexkursionen bringen im wahrsten Sinne des Wortes die versunkene Vergangenheit wieder ans Licht.

Mit einigen Tauchern der Orsa Minore starten wir in unser wohl unge-wöhnlichstes Taucherlebnis. Es geht hinab in den tiefsten Brunnen von Perugia, der bis vor kurzem noch versteckt und in Vergessenheit geraten war. Er liegt gleich neben der Fontana Maggiore. Die Vor-bereitungen sind alle getroffen: Eine kraftige Winde ist direkt iiber dem Brunnen installiert und hat den schweren Deckel   von   der   rund    70  Zentimeter

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Die Vorbereitungen sind alle getroffen: Eine kräftige Winde ist direkt über dem Brunnen installiert und hat den schweren Deckel von der rund 70 Zentimeter breiten Öffnung gehoben. Der Wasser-spiegel liegt 17 Meter unter der Ober-fläche der Piazza. Nur mit der Winde können wir nach unten in den Brun-nenschacht gelangen. Die Wassersäule reicht rund 30 Meter tief, der Schacht-durchmesser liegt zwischen 2,7 und 3,2 Meter.

Der erste, der per Winde und von einer Schlinge sicher gehalten in das dunkle Loch herabgelassen wird, ist ein Spe-läologe, ein Fachmann in Sachen Höhlen-forschung. Er trägt einen bunten Nylon-Overall und einen Schutzhelm wie ein Minenarbeiter. Seine Aufgabe ist es, ein einfaches Beleuchtungssystem und Sprechfunk zu installieren, eine Sicher-heitsmaßnahme und ein Instrument zur Koordination all der komplizierten vor-bereitenden Manöver unseres Tauch-gangs.

Ein kleines, halbaufgeblasenes Schlauch-boot wird als nächstes herabgelassen, gefolgt von einem extralangen Luft-schlauch, der an eine Preßluftflasche auf der Piazza angeschlossen ist. Damit kann das Schlauchboot vollends aufgeblasen werden, wenn es die breitere Passage des Brunnenschachtes erreicht. Im Boot lassen sich Aufnahmegeräte und anderes Equipment transportieren, das die Tau-cher unmöglich im dunklen Schacht mit sich tragen können.

Das Sprechfunkgerät krächzt, und wir hören, daß die "Aufblasaktion" ab-geschlossen ist. Das Schlauchboot wird nun weiter per Winde herabgelassen, bis es die Wasseroberfläche berührt. Wir können in den Brunnenschacht hinab-spähen und erkennen im Halblicht der schwachen elektrischen Leuchte den Höh-lenforscher. Er klettert, spinnengleich und mit erstaunlicher Munterkeit, die Wand hinab, um das Boot auszuhaken. Als nächstes werden die Tauchgeräte herabgelassen. Die Tauchwesten sind bereits aufgeblasen. Vorsichtig werden die Kombinationen ins Wasser gesetzt, wo sie langsam treiben, bereit für die Taucher.

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 Taucher unter dem Dinghi.
Die gelbe Marke bezeichnet
eine Fundstelle
 

 

 

 

 

 

 


Als erster seilt sich
der Höhlenforscher ab, um
  die Beleuchtung zu installieren.
 

 

 

 

 

 

 


Der 30 Meter tiefe Schacht
ist aus Quadersteinen
ohne Mörtel ausgeführt.

 

 
Direkt neben der  " Fontana Maggiore " ist iter Einstieg zum Brunnenschacht.

 

 
Etwa 20 Meter unter dem
Wasserspiegel: Kalkablagerungen
 

Nun ist unsere Zeit gekommen. Wir steigen in die Schlingen, und als das O.K.-Signal von unten ertönt, beginnt die Reise hinab. Das erste Gefühl, das uns überkommtl, als wir den dunklen Schacht passieren, ist Angst vor der Enge. Sie steigert sich noch durch die plötzliche Dunkelheit und die absolute Stille, die nach dem hellen Sonnenlicht und dem Lärm auf der Piazza bedrückend wirken. Aber bald gewöhnen wir uns an die beengte Almosphäre und das trübe Licht. Wir erreichen den Wasserspiegel. Das Wasser ist kristallklar und nicht so kalt, wie wir erwartet haben. Etwa 10 Grad hat es an der Wasseroberfläche, 8 Grad unten auf dem Grund. Unsere fünf Millimeter dicken Anzüge sind nicht gerade ideal für diese Temperaturen, aber es läßt sich aushalten.

Wir gleiten langsam die vertikalen Wände hinab und kònnen klar die verschiedenen Zonen erkennen. Der höhergelegene Teil besteht aus unregelmäßigen, ohne Mörtel verfugten Steinblöcken. Weiter unten, etwa 20 Meter unter der Wasser-oberfläche, ist die Brunnenwand mit kalkartigen Ablagerungen bepflastert. Es scheint, daß diese zu einer Zeit ent-standen sind, da der Grundwasserspiegel in der Umgebung drastisch gesunken war.

In etwa 25 Meter Tiefe machen wir halt, um nicht die feinen Ablagerungen auf dem Grund des Brunnens aufzuwirbeln. Zwei Taucher von Orsa Minore sind in der Zwischenzeit ebenfalls hier unten angelangt und geben uns Zeichen. Einer der beiden hält einen kleinen, mit Schmutz überzogenen Gegenstand von undefinierbarer Form in der Hand. Er deutet auf eine schmale Nische in der Wand, wo er eine kleine farbige Markierung anbringt, genau an der Stelle,

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wo er den Fund entdeckt hat. Wir bemerken eine Vielzahl verschieden-farbiger Markierungen, verteilt über die gesamte Fläche der Brunnenwand.

Später entfernen wir die dicke Schmutzschicht von dem gefundenen Gegenstand, und er entpuppt sich als antiker Schlüssel. Die Täucher von Orsa Minore erzählen, daß sie selten ohne Funde von ihren Tauchgängen zurückkehren.

Die Stadt Perugia ist nicht allzu weit von der Küste und dem offenen Meer entfernt, das besonders auf der westli-chen, der tyrrhenischen Seite Tauchern noch allerhand zu bieten hat - trotz Umweltverschmutzung und Harpu-nierwut vieler Italiener. Was also fesselt die Taucher am Untergrund einer Stadi? Der Präsident von Orsa Minore erklärt uns: "Die "Operazione Pozzi', das Brunnen - und Zislernen-Projekt, entsland vor allem aus drei Gründen. Zum einen war da der Wunsch, auch in den Winter-monaten zu tauchen. Dazu kam die Idee, mit diesen Aktionen mitten in der Stadt unsere Vereinigung bekannter zu machen und so die Zahl der Mitglieder zu erhöhen, die vor 20 Jahren sehr gering war. Außerdem wollten viele von uns eine Art kultureller Forschung, direkt bezogen auf unsere Heimatstadt, unternehmen. Vor allem eines unserer Gründungsmitglieder, Mariella Liverani, übrigens die erste Frau, die in Perugia einen Tauchkurs machte, ist leidenschaftlich interessiert an diesem Forschungen. Sie ist Profes-sorin für Geschichte und Kunst und hat sehr profunde Untersuchungen zu diesem Thema gemacht; Studien, auf die sich die meisten nachfolgenden Arbeiten stützen."

Mit  Hilfe  historischer  Stadt-Annalen und

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alter Dokumente rekonstruierte Mariella die Geschichte des Brunnens auf der Piazza IV Novembre. Sie entdeckte Papiere, die von einem sehr bedeutenden, immer gefüllten Brunnen sprechen, der 1303 gebaut worden war. Ein späteres Dokument aus demselben Archiv berichtet über die Schließung dieses Brunnens im Jahr 1822.

"Als die Stadtregierung von Perugia beschloß, den in Frage kommenden Brunnenplatz neu zu pflastern", so erzählt der Präsident der Orsa Minore, "da nutzte unser Verein die Gelegenheit, beim Abriß des alten Pflasters nach dem in den Dokumenten erwähnten Brunnen zu suchen. Aufgrund der örtlichen Bürokratie und zahlreicher anderer Probleme war das kein leichtes Unterfangen. Schließlich traf unser kräftiger Drillbohrer, mit dem wir die Oberfläche des Platzes nach möglichen darunterliegenden Öffnungen absuchten, auf einen Hohlraum. Genau dort, wo wir den alten Brunnen vertnutet hatten."

Bei zahlreichen Tauchgängen in diesem und anderen Brunnen fanden die Taucher eine Vielzahl verschiedener Objekte, die eine Menge über das alltägliche Leben im ittelalterlichen Perugia erzählen. Interes-sante Funde sind zum Beispiel aus Knochen geschnitzte Würfel, Fragmente von Haushaltsgeräten aus Glas und Ton, Pfeilspitzen, Ornamente und Schmuck-stücke unterchiedlicher Große und Form, eine Spindel zum Wollespinnen und viele Münzen aus verschiedenen Perioden.

Bauzeichnungen und Schnitte von zahl-reichen Brunnen und Zisternen sind ange-fertigt worden, und eine erste Sammlung ist bereits veröffentlicht. Es ist schon erstaunlich, was die alten Perugianer mit ihrem damaligen Kenntnisstand so alles konstruiert haben !


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copyright Guido Picchetti - 11/4/2009